playing together

Playing Together by Kristina Alexanderson via Flickr

Es klingt so schön: Es ist Sommer.

Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Der Schweiß rinnt den Rücken hinab. Direkt den Steiß entlang. Gut, zugegebener Maßen klingt letzteres nicht ganz so schön.
Aber Sommer und Sonne!
Das ist doch herrlich, oder?

Ja!
Nein!

Ach man, ja und nein. Denn als Vater hat jede Medaille immer zwei Seiten. Das weiß man spätestens seit dem Moment, in dem die Kinder groß genug sind, um Schubladen zu durchsuchen und neugierig alles hervorzukramen, was da seit gefühlten Jahrhunderten, also seit der Vor-Eltern-Zeit, herumliegt und in Vergessenheit geraten ist. Dann halten sie die mühsam beim grundschulischen Buchstabierwettbewerb gewonnene Medaille in den Händen und man kann die Gewissheit direkt aus ihren Augen ablesen, dass sie damit eine Menge Unsinn anstellen könnten.

Sie könnten:

  1. die Medaille als improvisierten Wurfstern verwenden,
  2. sie mit Klebstoff beschmieren, um sie dem Bruder oder der Schwester auf die Stirn zu kleben, oder
  3. sie schlicht und einfach so lange anstarren, dass der andere gar nicht anders kann, als anzunehmen, sie wäre der größte und wertvollste Schatz der gesamten Menschheitsgeschichte und sich früher oder später (meistens früher) Entwendungswünsche einstellen, deren Umsetzung ihren ersten Schritt in Form eines verbalen Angriffskrieges finden.

Um das zu verhindern, setzt man sich die lieben Kinder auf den Schoß, entzieht ihren klebrigen Fingern das Andenken an die eigene Kindheit und erzählt ihnen lieber die Geschichte, die zum Gewinn der Medaille geführt hat. Das Ganze nach Möglichkeit mit so vielen Ausschmückungen und Schlenkern, dass sie die Medaille ganz vergessen haben und man sie klammheimlich hinter das Sofakissen schieben kann. Man veralbert sie also ein kleines bisschen. Lenkt sie ab. Erziehungstipps aus der Trickkiste.

Ungefähr so, wie ich es eben gemacht habe. Den eingangs erwähnten Sommer hätte ich mit dem Fuß gut und gerne unter den Teppich schieben können, denn so viel hat die Sache mit der Medaille ja nun nicht mit dem Sommer zu tun. Außer vielleicht, dass die Sonneneinstrahlung ausreichen würde, um bei günstigem Winkel den Bruder oder die Schwester mit einem reflektierten Sonnenstrahl direkt ins Auge … Gut, lassen wir das.

Es ist also Sommer.

Und das mit dem Sommer ist so eine Sache, wenn es um die Frage der Freizeitgestaltung geht. Denn so viele Optionen gibt es da meistens nicht. Zumindest nicht an Werktagen, wenn der zeitliche Rahmen einen Ausflug zu einem See, in den Zoo oder einen großen Park einfach nicht hergibt. Was also tun, nachdem man den Sohn und die Tochter aus dem Kindergarten abgeholt hat? Richtig, man steuert zielsicher den Spielplatz an.

Da ist es eigentlich schön. Es gibt sogar ein paar schattige Plätze. Es gibt Rutschen. Schaukeln. Wippen. Und Sand. Viel Sand. Sehr viel Sand. Und jedes Jahr frage ich mich aufs Neue: Wie tief ist denn eigentlich so ein Buddelkasten?

Ehe ich mich dieser Frage stellen kann, beginnen die sommerlichen Spielplatz-Schwierigkeit, die ganz zum Klang von Doppel-MM, Doppel-NN und Scharfem-ß der Wörter „Sommer“, „Sonne“ und „Schweiß“ passen. Denn es summt und schwirrt wie verrückt auf dem Spielplatz. Rund um die Mülleimer herum. Rund um die Trinkflaschen herum. Und rund um die mit Eis verschmierten Münder der Kinder herum.

Bienen, Wespen, Hummeln, Hornissen, Kolibris. Okay, die vielleicht in anderen Breitengraden.

Und je nach Kindercharakter bedeutet das entweder ein derart panisches Kreischen, dass es schon fast die Hoffnung weckt, Frequenzbereiche zu erreichen, die die Insekten direkt in der Luft zerplatzen lassen. Oder aber es bedeutet kindliches Entzücken, weil die Hummel so flauschig und kuschelig aussieht, dass der Kinderfinger sie gerne streicheln möchte.

Die schattigen Plätze muss ich also schattige Plätze sein lassen, und stattdessen abwechselnd die Kinder vor den Insekten und die Insekten vor den Kindern retten. Irgendwann gibt es dann eine Waffenpause – weil ein fremdes Kind auf der anderen Seite des Spielplatzes zu stark auf die Capri-Sonne gedrückt und sein ärmelloses T-Shirt in ein kulinarisches Paradies für gelb-schwarze Hautflügler verwandelt hat.

Puh, also kann ich mich doch einmal hinsetzen und hoffen, dass der Schatten das Schweißrinnsal zu trocknen vermag, das meinen Rücken in ein Feuchtgebiet verwandelt hat. Doch zu früh gefreut. Während der Sohn sich freudig über die Rutsche hermacht, hat die Tochter begonnen, den Buddelkasten zu erkunden.

Wenn sie Kinder haben, die Freude an Schatzsuchen haben, dann nehmen Sie niemals, wirklich: NIEMALS, Spielsachen mit auf den Spielplatz, die so klein sind, dass sie sich gut vergraben lassen.

Ich schließe kurz die Augen, atme tief durch und höre dann den Schrei der Tochter:

„Papiiiiii! Mein Pferd ist weg.“

Die Tochter sitzt im Sand, in der einen Hand eine Schaufel, ein hübsches Kleid mit Blümchen und aufgenähten Taschen trägt sie, um sie herum mehrere Sandhügel und in ihren Augen schimmern Tränen.

„Hast du dein Pferd vergraben, Schatz?“, frage ich.

Die Tochter nickt stumm und deutet auf die Sandhaufen. Eine Träne rollt ihr die Wange hinab und hinterlässt eine hautfarbene Spur auf der staubigen Sandmaske.

„Weißt du noch, wo du es verbuddelt hast?“

Die Tochter nickt. „Da“, sagt sie.

„Und da, und da, und da.“

Oh, wie herrlich.

Die Frage liegt mir auf der Zunge, ob es ihr Lieblingspferd war. Aber natürlich ist es ihr Lieblingspferd gewesen. Und wie herzlos wäre es denn, so etwas zu fragen? Wenn ich einen Herzanfall auf dem Spielplatz bekomme, dann wird wohl auch niemand meine Tochter fragen, ob ich ihr Lieblingspapa sei und ob es sich überhaupt lohne, den Krankenwagen zu rufen.

Also mache ich mich an die Arbeit, lasse mir die Schaufel reichen, die zumindest in ihren Händen recht groß erschien, in meiner Hand dann aber doch die Erkenntnis in mir weckt, dass das ganz schön viel Sand für eine ganz schön kleine Schaufel ist. Aber wie tief kann sie das Pferd schon vergraben haben?

Als ich in einer knietiefen Grube stehe, bin ich die neue Attraktion des Spielplatzes und eine Traube Schaulustiger hat sich hinter mir versammelt.

„Mami, was macht der Mann denn da?“
„Gute Frage.“

„Ich hoffe, der schüttet das auch wieder zu“, sagt eine andere oberirdische Frauenstimme. „So ein Loch ist ja eine Gefahr für jedes Kind!“

Ich buddle weiter. Siebe zwischendurch immer wieder den Sand durch meine aufgerauten Finger. Doch bis auf Regenwürmer, Glasscherben und kleine harte braune Kügelchen, bei deren Anblick ich mir einzureden versuche, dass sie nichts mit den Katzen zu tun haben, die sich nachts häufig auf dem Spielplatz rumtreiben, rinnt nur Sand unterschiedlicher Feuchtigkeitsgrade durch meine Finger.

Sand, Sand, Sand.

Kein Pferd.

Ich drehe mich zur Tochter um und schaue in mit Träneneinsatz drohende Augen. Der Sohn hat indes von der Rutsche abgelassen und legt ihr beruhigend einen Arm um die Schulter. Er flüstert ihr etwas ins Ohr. Sie flüstert zurück. Er nickt. Sie nickt. Wie schön, dass man sich darauf verlassen kann, dass sie einander in solchen Krisen beistehen.

„Mein Pferd“, wimmert sie.
„Ich finde es“, sage ich und grabe weiter.

„Sucht der Mann einen Schatz?“, fragt ein Kind seine Eltern.

„Mami, meintest du das damit, als du zu Papa gesagt hast: ‚Grab dir dein eigenes Grab‘?“, fragt das Capri-Sonnen-Kind und besorgte Kinderstimmen erklingen reihum mit „Oh“ und „Auweia!“
„Dann müssen wir die Feuerwehr rufen!“
„Ist der Mann denn krank?“
„Sieht ganz so aus“, höre ich eine spöttische Männerstimme. „Richtig gut geht’s dem wohl nicht mehr.“
„Mein Papa ist nicht krank, du Eierkopf!“, schimpft die Tochter los, die im Kindergarten gerade einen Grundkurs in Diplomatie und Deeskalation besucht.

Das Loch ist nun so tief, dass nur noch mein Oberkörper herausschaut. Ich grabe unbeirrt weiter. Ich bin so weit gekommen. Irgendwo muss das Pferd doch stecken.

„Papi?“, fragt die Tochter. Doch ich grabe weiter.

Irgendwann macht mir die Hitze gar nicht mehr so viel aus, denn ich erreiche eine Tiefe, in der der Sand angenehm kühl und feucht ist. Ich friere beinahe in meinen schweißgetränkten Klamotten. Hacke mich durch dichtes Wurzelwerk und habe langsam den Dreh raus, wie ich die Wände der Grube abstütze, um einen Sandrutsch zu verhindern.

„Papi?“ Ich wünschte nur, ich hätte besseres Arbeitsgerät.

„Papi“, höre ich die Tochter von oben. Ich stoße auf Granit. Mit der grünen Plastikschippe komme ich hier nicht weiter.* Ich wische mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, drehe mich um und muss mittlerweile nach oben schauen, um meine Tochter zu erblicken. Ich gucke zwischen zusammengekniffenen Augen nach oben.

Sie steht mit dem Sohn am Rand der Grube. Die untergehende Sonne in ihren Rücken, sehe ich nur ihre Silhouetten. Die wilde Lockenpracht der Tochter und die Schirmmütze des Sohnes.

„Guck mal, Papi“, sagt meine Tochter und zieht etwas aus der Tasche ihres Blumenkleides. Es hat irgendwie die Form eines Pferdes. Sand knirscht zwischen meinen Zähnen als der Sohn und die Tochter lachend auf und ab hüpfen, in die Hände klatschen und singen: „Veralbert, veralbert, veralbert!“

***

Am Ende des Abends sitze ich auf dem Sofa und bin erschöpft. Erschöpft aber glücklich. Es war so ein bisschen wie ein Marathon-Lauf, oder der Mammutmarsch von Berlin bis knapp vor die polnische Grenze. Was ich geschafft habe, war bemerkenswert. Bemerkenswert dämlich, aber bemerkenswert. Und die Kinder? Die Kinder schliefen seelenruhig. Das Lachen war einfach zu anstrengend für sie gewesen.

„Und?“, fragt meine Frau und versucht meine Gehörgänge mit einem Wattestäbchen von den letzten Sandresten zu befreien. Meine Arme sind einfach zu schwach, als dass ich sie bis zu den Ohren heben könnte.

„Ein Meter achtzig“, sage ich. “Der Buddelkasten ist ein Meter achtzig tief.”

Wenigstens ein Rätsel, das ich von der Liste der Mysterien streichen konnte.

________________________________________
*Ja, ein gar nicht mal so kleiner Teil meines Verstandes hatte ab dem Moment zu protestieren begonnen, in dem ich eine Tiefe erreicht hatte, die die Armeslänge meiner Tochter überschritten hatte. Ich erkläre mir das mit einer Art Bergbau-Fieber oder so.

©Playing together by Kristina Alexanderson via Flickr

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Jens Michael Volckmann

Jens-Michael Volckmann, geboren 1983, ist Regionalwissenschaftler, engagiert sich in der Suchtprävention für Kinder und Jugendliche, und hatte schon immer eine Vorliebe für das Erzählen von Geschichten. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er in Berlin, und arbeitet neben dem Studium an weiteren Kurzgeschichten und seinem ersten Roman. Bleiben Sie auf dem Laufenden: facebook.com/JMVolckmann und @JMVolckmann auf twitter. Seine erste Kurzgeschichte "Neundundneunzig Namen" wurde im September 2014 im deutschsprachigen Kindle-Singles-Store bei Amazon.de veröffentlicht.

3 Comments

quiltfru · 07. 12. 2015 at 08:08

Wobei ich mich ja echt frage, warum so tief. Töchterchen konnte es doch höchstens mit Sand zugedeckt haben. Wenn sie Löcher gebuddelt hätte, so wäre mir das jedenfalls vorher aufgefallen. Aber nun gut, jetzt weißt Du jedenfalls, wieviel Sand in einer städtischen Sandelgrube ist. LOL Birgitt

    Jens Michael Volckmann · 07. 12. 2015 at 09:52

    Vielleicht war es auch nur die gefühlte Tiefe, oder die Folgen eines Sonnenstichs. Das wird wohl nur der (an die Realität leicht angelehnte) Ich-Erzähler wissen 🙂

Elvira · 08. 12. 2015 at 07:49

Bei der Medaille schossen mir sofort zwei Worte durch den Kopf: Mein Schatz. Die Ringtrilogie hat doch ihre Spuren hinterlassen.
Das Pferdchen habe ich schon bei der Erwähnung der Taschen dort verortet. Aber als erstes dort zu suchen wäre natürlich kontraproduktiv zur Phantasie des Erzählers. Wenn der sich erstmal in etwas verbissen hat, hört die Buddelei nur dann auf, wenn er den Höhepunkt erreicht hat – in diesem speziellen Fall den tiefsten Punkt. Interessant wäre es wirklich, wie tief so eine Sandschicht ist. Setz die Geschichte doch mal im nächsten Sommer um Oder besser jetzt, wenn der Spielplatz nur spärlich besucht ist. Natürlich müsstest du das Töchterchen als Ausrede mitnehmen. Nee, keine gute Idee. Spannend wären ja die Reaktionen anderer Eltern und Kinder.
Liebe Grüße!

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