Das Jahr neigt sich noch gar nicht so richtig dem Ende entgegen und doch werfe ich einen Blick zurück.
2016 – was soll ich dazu nur sagen? In ein paar Wochen werden die Zeitungen und Magazine voll sein mit Jahresrückblicken und wir alle werden sagen: 2016, was war das für ein beschissenes Jahr. Wir werden uns an die schlechten Dinge erinnern, an unsere verstorbenen Idole, an die vertanen Chancen, die Weichen, die wir – hätte nur unsere eigene Meinung gezählt – ganz anders gestellt hätten. Wir werden 2016 als ein Jahr der Rückschläge in Erinnerung behalten.

Ob das stimmt?

Ich weiß es nicht so genau – und momentan bin ich zu müde und zu erschöpft, um mir all das in Erinnerung zu rufen, was das Jahr zu dem Jahr gemacht hat, das es war. Oder besser: Was das Jahr zu dem gemacht hat, was alle behaupten, das es war.

Vielleicht ist es ja genau das, worauf es ankommt: Warum das Jahr an 365 Tagen bemessen? Wenn doch jeder einzelne Tag eine ganz eigene Geschichte schreibt, die sich abspielt in einem Mikrokosmos von ganz persönlichen Entscheidungen, Meinungen und Gefühlen. Warum sollte die Summe aller Tage mehr zählen als ein einziger Tag, der doch viel lebendiger und einmaliger ist als die zur Geschichtsschreibung verdammte Kohorte aller Tage eines Jahres?

Ich bin müde und erschöpft.

img_1235Ich denke, das Jahr hat mich müde gemacht. Aber darf ich das denken? Darf ich mich erschöpft fühlen und mir selbst den Hut des Pessimisten aufsetzen, mir den schwarzen Kapuzenpulli überstreifen, auf dem in weißen Buchstaben “depri” geschrieben steht? Was tue ich damit all den Tagen an, die mich zum Lachen gebracht haben? Den Tagen, an denen ich meinen Sohn in die Arme geschlossen habe? Den Tagen, an denen ich meiner Tochter die Tränen getrocknet habe? Den Tagen, an denen ich meiner Frau gesagt habe, dass ich sie liebe?

Diese Tage verdienen farbenfrohe Kapuzenpullis. Kapuzenpullis, denen ich die Kapuzen abgeschnitten habe, um daraus lustige Mützen zu basteln. Das Jahr abzustempeln, es verloren zu geben, es als das dunkle Jahr 2016 zu bezeichnen, fühlt sich an, als wäre es verlorene Zeit gewesen.

2016 war ein Jahr, in dem ich weniger gelesen habe als jemals zuvor.

Das liegt nicht daran, dass es keine tollen Autor*innen geschafft hätten, meine Aufmerksamkeit zu wecken. Ganz im Gegenteil: Ich habe im vergangenen Jahr so viele tolle Menschen kennenlernen dürfen, die fantastische Bücher geschrieben haben. Menschen, die genauso wie ich angetrieben werden von der Leidenschaft des Schreibens. Der Stapel ungelesener Bücher ist riesig und das schlechte Gewissen mindestens genauso groß, all die Gedanken, die Spannung, die Weisheit und den Humor, die auf den tausenden von Seiten darauf warten, mir die Tage zu versüßen, noch nicht aufgesogen zu haben.

"Mosaik der verlorenen Zeit" von Elyseo da Silva

“Mosaik der verlorenen Zeit” von Elyseo da Silva

Da gibt es insbesondere dieses eine Buch von einem Denker und Schreiber, dessen Weg – wenn auch nur digital – ich in diesem Jahr kreuzen durfte. Sprachgewaltig und doch bescheiden kommt es daher. Es ist wortgewordene Sinnsuche, steckt voller Liebe und Schmerz, Hoffnung und Wut. Es erzählt von verlorener Zeit, von den vertanen Chancen, den Weichen, die andere für uns gestellt haben. Aber es erzählt auch von der Hoffnung, den Weg zu finden, von der Macht der Träume, der Liebe zum Leben, zum Gestern, zum Heute und zum Morgen.

Elyseo da Silva

Elyseo da Silva

Mosaik der verlorenen Zeit von Elyseo da Silva ist ein Buch, das in Worte zu fassen schwer ist, ja fast unmöglich ist. Es ist ein Buch, das ich früher innerhalb weniger Tage ausgelesen, ja verschlungen hätte, denn Elyseo da Silva schafft es, mit seiner Sprache eine Sogwirkung zu entwickeln, wie es nur wenige können – und das ohne großen Verlag und Lektor im Rücken! Doch es ist nun einmal 2016, das Jahr, in dem die Bücher und ich einfach nicht zusammen kommen wollen. Das Jahr des großen Stapels ungelesener Bücher. Dieses jedoch habe ich zumindest angefangen – ja sogar beinahe schon beendet. Und das ist doch das Gute daran, schon jetzt einen kurzen Blick zurück auf 2016 zu werfen: Noch sind einige Wochen übrig und die Chance ist da, dass der Stapel ungelesener Bücher wieder kleiner wird.

“Mosaik der verlorenen Zeit” hat es beim Lovelybooks Lesepreis in der Kategorie bester historischer Roman auf die Shortlist geschafft. Wer einen tollen Autor unterstützen möchte, kann noch schnell abstimmen.

Ein tolles Interview mit Elyseo da Silva gibt es hier.


Jens Michael Volckmann

Jens-Michael Volckmann, geboren 1983, ist Regionalwissenschaftler, engagiert sich in der Suchtprävention für Kinder und Jugendliche, und hatte schon immer eine Vorliebe für das Erzählen von Geschichten. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er in Berlin, und arbeitet neben dem Studium an weiteren Kurzgeschichten und seinem ersten Roman. Bleiben Sie auf dem Laufenden: facebook.com/JMVolckmann und @JMVolckmann auf twitter. Seine erste Kurzgeschichte "Neundundneunzig Namen" wurde im September 2014 im deutschsprachigen Kindle-Singles-Store bei Amazon.de veröffentlicht.

1 Comment

Elvira · 21. 11. 2016 at 08:29

Mir kommt es vor, als wüchse der Stapel ungelesener Bücher proportional mit dem Stapel der Lebensjahre. In deinem Alter hatte ich das große Glück, ja, ich empfinde es tatsächlich als Glück, auch wenn die finanziellen Folgen verheerend sind, als “Nur-Hausfrau” meine Zeit mit meinen Söhnen, etwas Gartenarbeit und nebenbei dem Haushalt verbringen zu dürfen. Zu der Zeit gab es keine ungelesenen Bücherstapel. Du wirst sicher die Worte deines Vaters noch im Ohr haben: “Nicht stören! Mama liest!” Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich den Spagat zwischen Familienleben, Studium, bezahlter Arbeit und Haushalt hätte schaffen können. Vielleicht solltest du all die Bücher, die dich täglich flehend ansehen, hinter den schon gelesenen verstecken. So ein Stapel kann nämlich genauso einen Druck erzeugen, wie ein Stapel ungebügelter Wäsche oder der Blick durchs Fenster, bei dem man hofft, dass es Nebel oder ein Sehfehler ist, der einen so unscharf sehen lässt, und nicht der Schmutz des vergangenen Jahres auf dem Fensterglas. Wichtiger als jedes noch so lesenswerte Buch sind aber die sozialen Kontakte. Denn es sind die Menschen um uns herum, die uns aus Müdigkeit und Erschöpfung heraushelfen können. Ich weiß, wovon ich spreche.
Deiner Buchempfehlung werde ich folgen. In der Hoffnung, dass es nicht das 7. Buch auf dem Stapel angefangener Bücher wird, die durchweg alle sehr lesenswert sind.

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