Prinzipiell ist das jetzt nicht die speziellste Aussage, die man sich vorstellen kann, aber einfach des guten Karmas wegen schadet es ja nicht, es direkt als erstes auszusprechen:

Mama, Papa, ich bin euch dankbar! Echt jetzt!

Ja, natürlich, meine Eltern sind der Grund dafür, dass ich überhaupt lebe. Meine Eltern und – wenn man ihrer Erzählung Glauben schenken mag – die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 1982, in dessen Turnierverlauf ich irgendwann gezeugt worden bin. Okay, irgendwie ist das … Moment, gehört das überhaupt in eine Autorenbiographie?

Na gut, wir überspringen mal den DFB-getriggerten Zeugungsakt und vollführen einen Zeitsprung in den April 1983. Genauer gesagt zum 16. April 1983, in Berlin Neukölln: Meine Geburtsstunde. Tada!

Meine Fresse, hätte ich gerne damit gespielt.

Und hier setzt die Dankbarkeit für meine Eltern ein. Ja, ich hatte eine tolle Kindheit, tolle Erziehung, prima Werte, Liebe, Fürsorge, coole Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke. Alles super. Tiptop. Auch wenn ich nie mit He-Man-Actionfiguren spielen durfte. Aber hey, man kann ja nicht alles haben.

Warum also die gesonderte Dankbarkeit für meine Eltern?

Weil sie die grandiose Idee hatten, mir einen Doppelnamen in die Wiege zu legen. Ich vermute zwar ganz stark, dass sie dabei nicht meine Autorenkarriere im Sinn, sondern eher pädagogische Hintergedanken dabei hatten, denn ein gebelltes

Jens-Michael! Räum jetzt dein Zimmer auf!

wirkt sehr viel intensiver als ein lieblich gesäuseltes

Du Jens, schau doch mal, dein Zimmer. Ach, so schön ist das doch nicht mit deinen Socken im Joghurtbecher, oder?

Warum freue ich mich also über einen Doppelnamen? Schließe zucke ich doch noch heute immer zusammen, wenn mich jemand mit meinem vollen Namen anspricht, und vermute instinktiv, dass ich Mist gebaut habe.

Na, weil das als Autor doch schon die halbe Miete ist, oder? Vor allem, wenn man im Fantasy-Genre schreiben möchte.

Ich sage nur:

Doppelnamen rocken also! Und ihr Einfluss auf Kreativität ist wahrscheinlich vergleichbar mit der Wirkung von Hefe auf Kuchenteig.

Sowieso: Meine Eltern sagen, dass ich ein sehr kreatives Kind war. So richtig, super kreativ!

Okay, mal ehrlich, ich bin selbst Vater von zwei wunderbaren und vor allem kreativen Kindern. Meine sind sogar die kreativsten Kinder der ganzen Welt. Wenn ich genauer darüber nachdenke, beschleicht mich der Verdacht, dass das wohl alle Eltern über ihre Kinder sagen, die natürlich auch die hübschesten und schlausten Kinder der ganzen Welt, ach Scheiße, des ganzen verdammten Universums sind.

Aber zurück zu meiner Kreativität: Ja, ich war vielleicht sehr kreativ aber ich war offensichtlich kein Wunderkind. Ansonsten hätte es wohl schon frühkindliche Aufzeichnungen meiner Schaffenskraft gegeben – wenigstens den einen oder anderen Gedichtband, der über Wabba Schnabba, Wuh Wäh Wäh hinausgeht.

Das einzige Zeugnis, das meine frühkindliche Kreativität belegt, ist dieses eine Foto, auf dem ich versuche, mein Gitterbett zu essen. Ich vermute, mir ging im Moment der Aufnahme gerade eine Kurzgeschichte mit einem hungrigen Protagonisten durch den Kopf.

Soweit ich zurückdenken kann, habe ich Geschichten erzählt und habe schon immer Bücher schreiben wollen!

Äh, ganz ehrlich?

Nein!

Und ich schlage an dieser Stelle ganz kräftig auf den Klischee-Buzzer. Dissssch!

Ja, ich habe schon immer viel gelesen. Aber ich habe auch schon immer viel getrunken. Und bin ich deswegen ein Säufer geworden? Nein.

Ich denke, ich könnte sicher die eine oder andere kontrafaktische Autobiographie schreiben. Das können Autoren ja ziemlich gut, diese Was wäre, wenn …-Fragen zu beantworten. Warum also nicht zum eigenen Leben?

Was wäre, wenn ich den Praktikumsplatz im Politik-Ressort der Berliner Zeitung nicht abgelehnt hätte, um lieber noch einmal zu studieren?

Was wäre, wenn ich gleich auf Anhieb den richtigen Studiengang gefunden hätte und nicht die Hörsäle fast jeder Berliner Uni von innen gesehen hätte?

Ich denke, dass sich daraus bestimmt spannende Geschichten entspinnen würden. Ja, dass jede Weiche, die ich irgendwann in meinem Leben gestellt habe, oder die ohne mein Dazutun von anderen Menschen für mich gestellt wurde, mich auf einen anderen, nicht minder interessanten Lebensweg geleitet hätte. Doch genau so wie mein Leben bisher war, ist es genau richtig.

Der DFB Kader 1982 – Was für Frisuren! Da kann man ja nur scharf werden … oder so.

Es ist egal, seit wann ich Geschichten schreiben möchte, und es ist mir auch egal, gegen wen die deutsche Fußballnationalmannschaft im Jahr 1982 gespielt hat – in jener Nacht der Nächte, oder vielleicht auch nur in der Halbzeitpause.

Die Hauptsache ist, dass ich heute da bin, wo ich bin.

Ich bin hier.

Ich bin Vater von zwei wundervollen Kindern (die mich immer wieder an den Rand des Wahnsinns treiben und verdammt guten Stoff für Literatur liefern).

Ich habe eine fantastische Ehefrau, die ich über alles liebe.

Und ich schreibe Geschichten.

Was will ich eigentlich mehr?

Ach ja, und ich habe einen Doppelnamen. Yay!

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Jens Michael Volckmann

Jens-Michael Volckmann, geboren 1983, ist Regionalwissenschaftler, engagiert sich in der Suchtprävention für Kinder und Jugendliche, und hatte schon immer eine Vorliebe für das Erzählen von Geschichten. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er in Berlin, und arbeitet neben dem Studium an weiteren Kurzgeschichten und seinem ersten Roman. Bleiben Sie auf dem Laufenden: facebook.com/JMVolckmann und @JMVolckmann auf twitter. Seine erste Kurzgeschichte "Neundundneunzig Namen" wurde im September 2014 im deutschsprachigen Kindle-Singles-Store bei Amazon.de veröffentlicht.

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