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Vor etwa einem halben Jahr sollte ich für die “Kindle Post” von Amazon fünf Fragen zu meiner Kurzgeschichte Neunundneunzig Namen beantworten, deren Antworten bisher leider nicht veröffentlicht worden sind. Und da das Thema aufgrund der humanitären Flüchtlingskrise und dem erschreckenden Wiedererstarken von Pegida auf eine neue Ebene der Aktualität gehoben wurde, möchte ich die Fragen und Antworten hier zum Besten geben.

Was ist „Neunundneunzig Namen“ für eine Geschichte?

„Neunundneunzig Namen“ ist ein Schreckensszenario. Ein Flugzeug stürzt über einem belebten Viertel von Frankfurt am Main ab und reißt etliche Menschen in den Tod. Die Ermittlungen zur Unglücksursache beginnen sofort und schon bald besteht der Verdacht: Der Absturz könnte in Wahrheit ein islamistischer Terroranschlag sein. Als ein Audiomitschnitt der letzten Minuten an Bord des Flugzeugs im Internet auftaucht und der Ruf „Allahu Akbar!“ zu hören ist, erhärtet sich der Verdacht und der vermeintliche Attentäter kann unter den Opfern schnell ausgemacht werden.

Also ist es eine politische Geschichte?

Nicht wirklich, vielleicht auf einer indirekten Ebene. Vielmehr ist es eine menschliche Geschichte. Denn im Zentrum stehen Ängste und die Frage danach, wie wir mit ihnen umgehen. Wir, das meint nicht jedes Individuum. Es sind eher die Ängste, die in unserer Gesellschaft herrschen. Mit „Neunundneunzig Namen“ wollte ich die Ängste entlarven, die dazu führen, dass die Diskussion über den Islam und islamistischen Terrorismus mit einer derartigen Hysterie geführt wird.

Sind das nicht berechtigte Ängste?

Terrorismus und Faschismus sind ohne jeden Zweifel ernsthafte Gefahren. Ängste muss man immer ernst nehmen, definitiv. Ob sie berechtigt sind, muss jeder für sich alleine überprüfen. Aber es ist mittlerweile sehr schwierig, sich diesbezüglich eine eigene Meinung zu machen. Es ist doch schon vielsagend, wenn ich von „Islam und islamistischer Terrorismus“ spreche. Beides wird auf eine Stufe gestellt. Wird in Talkshows über den Islam debattiert, dann geht es in Wahrheit um Salafisten, die Terrormiliz Islamischer Staat, die Scharia-Polizei, das Tragen der Burka und die empirisch nicht belegbare Integrationsunwilligkeit von Muslimen. Das sind dieselben Themen, die diskutiert werden, wenn es in Talkshows um islamistischen Terrorismus geht. Islam und Terror wird immer häufiger auf ein und dieselbe Stufe gestellt. Und das ist fatal! Wir leben schließlich mit vielen Muslimen zusammen und von denen wird garantiert keiner vom Verfassungsschutz überwacht.

Eine beliebte Frage, die auch in der Erzählung aufgeworfen wird: Gehört der Islam zu Deutschland?

Eine Gesellschaft ist nicht statisch. Sie ist viel dynamischer als beispielsweise eine Religion. Daher finde ich die Fragestellung unpassend. Fragt man nach dem geschichtlichen Einfluss der Religionen auf unsere Kultur, dann ist es legitim zu sagen, dass der Islam unter historischen Gesichtspunkten eine Nebenrolle gespielt hat. Aber fragt man nach den Menschen, dann ist das eine Frage der Gegenwart und dann muss man sagen: Ja, der Islam gehört zu Deutschland, denn in Deutschland leben nicht nur Atheisten, Christen, Juden, Hindus und Buddhisten, sondern auch Muslime.

Was ist die größte Angst des Autors?

Dass, angefeuert durch Medien, kurzsichtige Politik und Publikationen à la Sarrazin, das Gerede von einer entstehenden muslimischen Parallelgesellschaft nicht nur ein Schreckgespenst ist, sondern zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird. Meine Absicht mit „Neunundneunzig Namen“ ist es, zu zeigen, wie schnell wir uns in Hysterie und Ängsten verlieren können und auf einen Zug aufspringen, der die Gesellschaft spaltet.

“Neunundneunzig Namen” ist bei Amazon im Kurzgeschichtenprogramm Kindle-Singles erschienen.


Jens Michael Volckmann

Jens-Michael Volckmann, geboren 1983, ist Regionalwissenschaftler, engagiert sich in der Suchtprävention für Kinder und Jugendliche, und hatte schon immer eine Vorliebe für das Erzählen von Geschichten. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er in Berlin, und arbeitet neben dem Studium an weiteren Kurzgeschichten und seinem ersten Roman. Bleiben Sie auf dem Laufenden: facebook.com/JMVolckmann und @JMVolckmann auf twitter. Seine erste Kurzgeschichte "Neundundneunzig Namen" wurde im September 2014 im deutschsprachigen Kindle-Singles-Store bei Amazon.de veröffentlicht.

2 Comments

Elvira · 14. 10. 2015 at 07:47

Hast Du eine Ahnung, warum die Antworten nicht veröffentlicht wurden? Sechs Monate sind eine lange Zeit! Gut, dass Du das hier in Deinem Blog machst!

    Jens Michael Volckmann · 15. 10. 2015 at 19:21

    Die Seite, auf der die Fragen veröffentlicht werden sollten, wurde leider nicht mehr redaktionell betreut. Schade, aber so läuft’s halt manchmal.

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