"Just Rocking" by W_Minshull via Flickr

“Just Rocking” by W_Minshull via Flickr

Aus meinem Leben als Vater – eine Glosse.

Den Beitrag gibt es jetzt auch zum Anhören. YAAY!

Kinder singen gerne. Immer. Zumindest wenn sie noch ein entsprechendes Alter haben. Sie können das gut. Was sage ich da? Sie können es sehr gut. Sehr, sehr gut.

Es ist nicht immer klar zu verstehen, was sie da singen. Gelegentlich ähnelt es einer Fantasiesprache. Manchmal scheinen sie rückwärts zu singen. Ab und zu auch einfach mal ein Medley der besten Kinderlieder, die sie kennen, im Schnelldurchlauf, ohne erkennbare Übergänge von einem Lied zum anderen. Kontext und Semantik sind dabei unerheblich. Ja, komplett egal. Denn Kinder singen hauptsächlich laut.

Und zwar sehr laut.

Genau das ist es, was sie sehr, sehr gut können. Vor allem überall dort, wo extra viel Hall erzeugt wird. Im Treppenhaus beispielsweise. Ist ihnen doch egal, ob da auch noch die Wohnungen von anderen Leuten sind.

Fell in den Ohren

Mein Sohn und meine Tochter sind da keine Ausnahmen. Beide sind Experten auf diesem Gebiet. Es beeindruckt mich besonders, wie ungehemmt sie das machen. Ich meine, das kennt doch jeder. Diese Vorstellung: Kopfhörer auf dem Kopf und einen der Lieblingssongs in den Ohren. Zuhause würde man mitsingen. Im Auto auch noch. Bei geschlossenen Scheiben zumindest. Aber unterwegs? Im Supermarkt? Nein, dann doch eher nicht.

Und Kinder?

Vollkommen enthemmt.

Regelmäßig Momente induzierend, bei denen man den Einkaufswagen inklusive Kind schnell in eine andere Kassenschlange schieben möchte – „Ist nicht meins, nein, nein.“ Aber nein, auch wenn solche Momente gefühlt an der Grenze zur Peinlichkeit schrammen, ist es nicht peinlich. Denn Kindergesang wird von allen als niedlich akzeptiert.

Meistens.

Es sei denn: MC Fitti, 30 Grad, Flamingos und Flipper. An der Kasse. Einkaufsrushhour. Der Sänger: Viereinhalb Jahre alt.

„… Sonnenbrille auf und rein in die Slipper, 30 Grad klumbianisches Reh… Papa? Was ist klumbianisches Reh?“

Als Vater bekommt man irgendwann ein dickes Fell. Leider nicht in den Ohren. Würde auch eigenartig aussehen. Wüchse mir dort ein Fell und die Tochter würde es entdecken, hingen mir wahrscheinlich bald Zöpfe aus den Ohren. Mit Disney-Eiskönigin-Haarspangen drin. Würde noch eigenartiger aussehen.

Egal.

Meine Hoffnung besteht darin, dass sich die musikalische Begeisterung meiner Kinder halten wird.

„Kind, mach doch was anständiges.“

Das hat man früher immer gehört. Ich zum Glück nicht. Meine Eltern hatten immer viel Verständnis für meine Interessen. Meine Frau glücklicherweise auch. Wenn meine Kinder also der Meinung wären, sie seien geboren, um Musiker zu werden – was weiß ich, Popstars à la Justin Cyrus oder Miley Bieber, Old-School-Rapper oder Konzert-Cellisten – dann soll es halt so sein. Ich werde ihnen da keine Steine in den Weg legen.

Denn mal ehrlich: Die ganzen Idole, die man in seiner Jugend hat, üben allesamt Berufe aus, die eben nicht dem typischen Karrierewege von Ausbildung und/oder Studium entsprechen. Rockstars, Schauspieler, Fußballprofis, Dalai Lamas, was auch immer. Die Wahrscheinlichkeit, aus dem Jugendtraum eine Profession zu machen, ist doch sehr gering. Der Weg dorthin nicht wirklich zu planen.

... hab ich es doch gewusst. Es gibt sogar sehr viele Studien.

… hab ich es doch gewusst. Es gibt sogar sehr viele Studien.

Meine Kinder unterstütze ich also darin und lasse sie singen. Und sie singen voller Begeisterung. Leidenschaftlich. Laut. Leidenschaftlich laut. Ich bin mir sicher, dass es zig Studien gibt, die belegen, dass Singen positive Auswirkungen hat. Es ist garantiert förderlich für die Gehirnentwicklung und stimulierend für das Selbstbewusstsein. Und ich kann bestätigen: Ja, definitiv! Und nicht nur für Kinder, sondern auch für die dazugehörigen Eltern.

Denn eines können Sie mir glauben: Wenn der Sohn am Alexanderplatz anfängt, ein Altberliner Lied mit urstem Berliner Dialekt zu singen, dann fühlt man sich plötzlich wie im Auge eines Wirbelsturms. Aber stolz ist man natürlich auch. Sehr sogar. Und auch ein bisschen neidisch, denn irgendwie möchte man sich sowas doch auch trauen. Naja, vielleicht nicht unbedingt MC Fitti an der Kasse.

Es lebe König Blauzahn!

Für den Seelenfrieden meiner Familie ist Musik vor allem morgens von extremer Wichtigkeit. Ich möchte daher an dieser Stelle einen Dank aussprechen: Oh, du findiger Geist, der du portable, via Bluetooth mit Mac, Smartphone oder iPad gekoppelte Lautsprecher erdacht hast, ich danke Dir!

Sie müssen wissen: Die Tochter (2,5) ist ein Morgenmuffel. Wenn Sie eines Tages aufstehen und sich wundern sollten, warum es um 09:00 Uhr morgens noch stockdunkel ist, dann wird das daran liegen, dass die Sonne wahrscheinlich Suizid begangen hat, ob des Umstandes, mit welcher Überzeugung die Tochter regelmäßig ihr Missfallen darüber äußert, dass die Sonne es wagt, sie mit zärtlichen Sonnenstrahlstreichlern an der Nasenspitze zu wecken.

»Hau ab!« und »Lass mich in Ruhe!« stehen eindeutig auf der positiven, also wohlwollend meinenden Seite der Morgenmuffel-Skala. Der negative Bereich hingegen entzieht sich verbaler Beschreibungen und nicht einmal die Betonummantelung des Chernobylreaktors könnte dem vernichtenden Ausdruck in ihren Augen standhalten.

Die einzige Abhilfe bringt Musik. Musik rettet den Morgen. Der Soundtrack der Eiskönigin eignet sich hervorragend – auch wenn ich befürchte, dass die Tochter irgendwann an einer Identitätskrise leiden wird, wenn ich ihr erkläre, dass sie NICHT Elsa, die Eiskönigin ist, und dass ich immer nur so TUE, als wäre ich zu Eis erstarrt, wenn sie unsichtbare Eisblitze durch die Wohnung schießt.

Breach, Bang and Clear

Zurück zur Musik, die es schafft, den Morgen zu retten. Am besten geht das mit Hilfe eines schon erwähnten Bluetooth-Lautsprechers. Optimum: Diese kleinen zylinderförmigen Lautsprecher. Eine Anleitung zum sicheren Einsatz können Sie sich in Filmen abschauen, in denen Spezialeinsatzkräfte ein Breach-Bang-and-Clear-Manöver durchführen. Die Polizisten, Marines, Navy Seals, oder was auch immer, verschaffen sich Zugang zu dem Raum, in dem sich die Gefährdung befindet, indem sie die Tür aufsprengen oder eintreten. Rollen eine Blendgranate hinein, um dann, geschützt durch die Desorientierung des Gegners, den Raum zu betreten und den Gefährder auszuschalten.

Es klingt vielleicht etwas übertrieben, wenn ich die Tochter als Gegner oder Gefährder bezeichne, da haben Sie schon Recht. Aber Sie wissen nun, worauf es hinausläuft.

Es gilt, im Vorfeld einen passenden Song auszuwählen und die Verbindung zum Lautsprecher herzustellen. Vor der Kinderzimmertür noch einmal tief Luft holen. Die Tür einen Spalt breit öffnen und den runden Lautsprecher in das Zimmer rollen lassen. Unbedingt die Tür fest verschließen, um zu verhindern, vom Versteinerungsblick getroffen zu werden. (Habe ich schon einmal die wilde medusenhafte Haarpracht meiner Tochter erwähnt?) Und ich verspreche Ihnen: Nach drei Minuten wartet ein hüpfendes, gut gelauntes Kind auf Sie. Das allerdings den Lautsprecher nie wieder loslassen möchte. Anderes Problem.

Freestyle

Während der Sohn mit einer beeindruckenden Ernsthaftigkeit versucht, Textsicherheit zu gewinnen, versteht sich die Tochter eher als Freestyle-Künstlerin, die alles in ein Lied verwandeln kann. Alles. Gerne auch untermalt mit improvisierten Instrumenten. So interessierte ich mich neulich für die Quelle dieses eigenartigen Krachs, der durch die geschlossene Badezimmertür drang. Kurz die Tür geöffnet, hineingespäht und erkannt, dass es nur der übliche Alltagswahnsinn ist. Die Tochter sitzt komplett entkleidet auf ihrem Toilettenaufsatz. Die Beine wackeln wild umher und stehen in direkter Konkurrenz zur Lockenpracht, die eine konturlose Wolke hektischer Bewegung in die Luft zeichnet, während die Hände auf den Kullerbauch trommeln und dort rote Abdrücke hinterlassen. Ich glaube, sie hatte mich gar nicht gesehen. Gehört auch nicht, denn zu laut war ihr von den Wundern der Verdauung inspiriertes Lied mit der eingängigen Hookline: „Eine Kackerwurst! Eine Kackerwurst! Eine Kackerwurst! KACKERWURST! KACKERWURST!“

Niemals mitsingen

Ein großer Fehler besteht übrigens darin, mitzusingen. Nicht unbedingt beim Verdauungssong, der sich ob seiner Einfachheit als recht eingängig erwiesen hat. Nein, wenn richtige Musik läuft darf nicht mitgesungen werden. Auf gar keinen Fall! Man kann das immer mal wieder versuchen, wenn der Soundtrack der Eiskönigin ausnahmsweise nicht aus den Lautsprechern ertönt. Aber niemals – und ich wiederhole mich gerne: NIEMALS – mitsingen, wenn die Tochter gerade singt. Das bedeutet Krieg. Und glauben Sie mir: Kinderstimmen können Frequenzen erreichen, mit denen sie einen Schwarm Fledermäuse dressieren könnten.

Ab und zu jedoch darf ich dann auch mal selber singen und es wird wohlwollend hingenommen. Lieder vom Soundtrack natürlich. So wie vor ein paar Tagen im Treppenhaus, als ich der Tochter morgens ihre Schuhe anzog.

„Sie öffnen die Fenster und die Tür’n“, sang ich mit einem Maximum der meiner Stimme zur Verfügung stehenden Lieblichkeit. „Das gab es hier seit langer Zeit nicht mehr …“

Ich wollte gerade von den vielen Tellern singen, als die Tochter mir ihre Hand auf den Mund legt und den Kopf schüttelt.

„Nicht im Treppenhaus singen, Papi“, sagte sie. „Andere Kinder schlafen noch.“

Ach wie ich sie doch lieb habe, die Tochter und den Sohn.

“Just Rocking” © by W-Minshull via Flickr


Jens Michael Volckmann

Jens-Michael Volckmann, geboren 1983, ist Regionalwissenschaftler, engagiert sich in der Suchtprävention für Kinder und Jugendliche, und hatte schon immer eine Vorliebe für das Erzählen von Geschichten. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er in Berlin, und arbeitet neben dem Studium an weiteren Kurzgeschichten und seinem ersten Roman. Bleiben Sie auf dem Laufenden: facebook.com/JMVolckmann und @JMVolckmann auf twitter. Seine erste Kurzgeschichte "Neundundneunzig Namen" wurde im September 2014 im deutschsprachigen Kindle-Singles-Store bei Amazon.de veröffentlicht.

8 Comments

Elvira · 12. 06. 2015 at 10:30

Ich höre die beiden bis zu mir. Sie übertönen sogar die Brandung des Meeres. Nachdem ich nun weiß, woher die lieblichen Gesänge kommen, kann ich meine Strandnachbarn ja diesbezüglich aufklären.

    Elvira · 12. 06. 2015 at 10:32

    Nachtrag: Übrigens sehr schön geschrieben. Meine Mundwinkel konnten ohne Probleme die Schwerkraft überwinden

Heike Ingenhoven · 12. 06. 2015 at 20:32

Herrlich! Meine Emma ist 5 und scheint mit Mme Medusa verwandt zu sein!
Danke!

    Jens Michael Volckmann · 13. 06. 2015 at 21:06

    Beste Grundvoraussetzung für eine neue Girl-Band.

      Heike Ingenhoven · 13. 06. 2015 at 21:11

      Als hätten wir es geahnt, gab es heute das erste Mal den eisigen Film zu sehen 😉
      Also würde ich sagen, dass es sicher bald heißen könnte: Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin! Trällernde Grüße aus der Eifel!
      Heike

Marga · 13. 06. 2015 at 19:47

Traumhaft!

Robert Kalweit · 23. 06. 2015 at 09:41

Jens, was für ein großartiger Text!!!
Drei kleine Anmerkungen (Klugscheißen schon inklusive):

1. “Sonnenstrahlstreichler” ist das schönste neue Wort, das ich in den letzten Jahren gelernt habe!!!
2. Im Deutschen schreibt man Tschernobyl. Chernobyl ist Englisch.
3. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Du eben doch Fell in den Ohren hast.

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